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2. August 2011 2 02 /08 /August /2011 11:28

Gestern Nacht musste ich an sie denken, an das arme Mädchen, das hart arbeiten muss, während ihre bösen Stiefschwestern auf einen Ball gehen und sich amüsieren.

Um mir etwas Geld zu verdienen, war ich gestern Nacht auf der Geburtstagsparty einer entfernt bekannten Frau, die mich bat, den Kühlschrank nachzufüllen, die leeren Gläser und Teller in der Wohnung einzusammeln, die die Gäste nicht mehr brauchen, eventuell neue Getränke zu bringen und hin und wieder zu spülen, damit die Teller und Gläser nicht leer gehen.
Gesagt, getan. Ich war da, um zu helfen. Und schildere jetzt grob, wie der Abend verlief:

Die Wohnung ist klein, aber sehr teuer, mit Blick über Frankfurts Nobelviertel. Aber trotzdem: klein. 40 Gäste sollen kommen. Ich schlucke und mache eine sportliche Bewegung, um zwei Menschen an mir vorbeizulassen, ohne dem Herrn hinter mir oder den Damen rechts und links von mir auf die Füße zu treten. Eine Frau - nennen wir sie jetzt einfach mal... Chantal, findet mich ganz "reizend", weil ich so nett und zuvorkommend bin. Ich sage zu Chantal: "Möchten Sie noch etwas zu trinken?" Da ist Chantal plötzlich gar nicht mehr begeistert von mir. Finster guckt sie mich an. "Wenn du mich nicht duzt, dann rede ich kein Wort mehr mit dir! Ich komme mir so AAAALT vor!" Ich verschweige, dass jemanden zu siezen für mich eine Sache von Respekt vor Fremden und nicht vor dem Alter ist, bitte um Entschuldigung und gehe weiter, um ein paar Gläser abzuspülen.

Während ich an der Spüle stehe und Teller, Gläser und Besteck saubermache und abtrocke, stehen direkt hinter mir zwei Leute, ein Mann und eine Frau, und unterhalten sich. Sie stehen genau vor dem Schrank mit dem Altglaskorb, wo ich die leeren Sektflaschen reintun will, und dem Kühlschrank, aus dem ich eine neue Weinflasche holen möchte. Der Mann - nennen wir ihn Karl-Theodor, und die Frau, beispielhaft Jaqueline, bewegen sich keinen Zentimeter beiseite. Übrigens den ganzen Abend lang nicht. Sie bekommen am Häufigsten mein gemurmeltes "Entschuldigung, darf ich mal kurz?" und "Verzeihung, ich müsste da mal ran" zu hören und ihr Blick wechselt jedes mal rasant schnell zwischen finster und "aber natürlich, du reizendes Ding, ich bin so großzügig und gütig, dass ich sogar ein winziges Stück beiseite gehe, dass du den Kühlschrank einen Spaltbreit öffnen kannst um eine Flasche rauszuzerren". Nicht, dass im Wohnzimmer noch genug Platz wäre um einfach nur RUMZUSTEHEN und sich zu UNTERHALTEN. Argh.

Karl-Theodor und Jaqueline reden über Jaquelines Sohn, der extrem begabt ist, den die Lehrer nicht fördern, der mit seinem teuren Rennrad meisterhaft Turniere gewinnt, der zweimal die Woche eine knappe Stunde bis zu seinem Verein gefahren wird, der superclever und total lieb und knuddelig ist. Und talentiert! Und intelligent! Und begabt! Und talentiert! Ich muss aufpassen, mich nicht ins kochend heiße Spülwasser zu übergeben.
Später übertrumpfen sich Karl-Theodor und Jaqueline gegenseitig in ihren unternommenen Reisen, nach Neuseeland, auf die Fiji-Inseln, nach Indien, Südafrika und Singapur, Nordamerika, Südamerika, Westamerika und Ostamerika, nach England und Griechenland, nach Australien und China. Mein Neid auf diese stinkend reichen Leute kocht mindestens ebenso heiß wie das Spülwasser, das getrübt ist von den Speiseresten wie Sprossensalat auf Schafskäse, Sauerkrautauflauf, Apfel-Mango-Sorbet mit Schokoladenkuchen oder Olivenbaguette mit Lauch-Quiche.

Auf einem meiner vielen Kellnergänge von Küche nach Wohnzimmer komme ich an der CD-Anlage vorbei, auf dem Tisch, auf dem sie steht, liegen auch CDs, die die Gastgeberin wohl als Kandidaten für den heutigen Abend auserkoren hat. Auf dem Weg ins Wohnzimmer schiele ich auf die CDs. Eine Selbstgebrannte ist beschrieben mit "Planet Punk - Die Ärzte". Ich fühle mich ein bisschen besser. Auf dem Rückweg zur Küche schiele ich nochmal auf die CDs. Eine andere Selbstgebrannte ist beschrieben mit "SCHÖN ZUM FICKEN". Ich fühle mich ein bisschen schlechter. Und schicke ein Stoßgebet zum Himmel, dass ich diese CD an diesem Abend NICHT hören muss.

Plötzlich steht, während ich spüle, hinter mir ein Mann. Mit amerikanischem Akzent fragt er freundlich, woher ich komme und wieso ich hier arbeite. Er ist der Lichtblick des Abends, er und sein Lebensgefährte (ein kugelrunder schwuler Amerikaner, ich bin völlig hin und weg!) sind wirklich nett und erzählen mir viel über Amerika und das Fliegen, während ich Getränke ausgebe, spüle und abtrocke.
Doch das Glück währt nicht lange, während meiner Arbeit werde ich noch mindestens hundertmal von wildfremden Leuten gebeten, sie zu duzen, weil sie sich so AAAAAAAAALT vorkämen, ich werde hin und wieder gefragt, was ich später mal machen will, und bekomme auf die Antwort "Studium auf Lehramt Gymnasium" die Antwort "Willst du nicht was RICHTIGES studieren?", werde (vor allem von Chantal "reizend", "süß", "niedlich", "schnuckig" und "goldig" genannt und spüle, spüle und spüle, bis meine Hände rot sind von dem heißen Wasser und dem Spülmittel.

Um ein Uhr nachts bin ich endlich wieder Zuhause von der versnobtesten aller Partys, die nur durch einen schwulen Amerikaner aufgeheitert wurde. Aber sie war immerhin so interessant, dass ich einen Artikel drüber schreiben kann...

... Schade nur, dass heute morgen kein Prinz vor der Tür stand, der mich heiraten wollte.

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