Früher oder später kommt für jeden Heranwachsenden der Zeitpunkt, an dem man gefragt wird: "Und? Was willst du mal machen, wenn du fertig bist mit der Schule?"
In diesem Fall gibt es ausschließlich zwei Möglichkeiten. Entweder man hat einen Plan oder man hat keinen. Da gibt es nix halbes und nix ganzes, wenn man nur so 'ne halbgare Idee hat oder nur 'ne Idee, was man sich vorstellen könnte, zählt man zu denen, die keinen Plan haben.
Von dem Postabitursyndrom (for short: PAS) sind besonders häufig entfernte Bekannte befallen, besonders ein bisschen ältere Damen mit starken Hang zum Reden. Sie treffen einen jungen Heranwachsenden, und finden heraus: Der hat grade sein Abi hinter sich gebracht. Und ganz automatisch starten die PAS-Befallenen ihren Smalltalk mit der oben aufgeführten Frage: "Und? Schon 'ne Idee, was du mal machen willst?"
Das wäre an sich ja nicht mal tragisch. Das Problem ist, wenn man zu der Ich-bin-froh-dass-ich-es-so-weit-überhaupt-geschafft-habe-und-hab-noch-nicht-weiter-geplant-als-bis-nächste-Woche-Gruppe gehört. Weil dann muss man zugeben, dass man sich nur so grob vorstellen könnte, vielleicht ein paar Monate nach Australien zu verschwinden und danach irgendwo in der Umgebung zu studieren, aber was und wo, das man auch noch nicht so genau. Und da fängt der Schlamassel an.
Egal, wie gut bekannt der junge Erwachsene mit der PAS-Befallenen ist (in den meisten (und schlimmsten) Fällen: gar nicht bis kaum): Der PAS-Befallene weiß GANZ GENAU, was das Richtige für dich ist. Zwischen Sätzen wie "Also die Tocher meiner Cousine, davon die Freundin deren Schwester, deren Nachbarin die Nichte war auch mal in Australien und die hat gesagt das sei super gewesen" oder "Also du solltest auf jeden Fall mal auf dieser und der und jeder und auch auf der und der und der Internetseite gucken und hier anrufen und da nachfragen, die können dir klasse helfen", kommen immer wieder wertvolle Ratschäge wie "Mach das auf jeden Fall" oder "Das bringt dir persönlich enorm viel" oder "Arbeitgeber lesen sowas auf Bewerbungen immer total gerne".
Und du als heranwachsender Abiturient sitzt nur da, kommst nicht zu Wort und denkst dir nur: Natürlich! Klar! Gut, dass ich diese wildfremde Person getroffen habe, damit sie mir sagt, was das Richtige für mich ist! Gottseidank hat eine Fügung des Schicksals meinen Weg mit diesem wandelnden Orakel gekreuzt, sonst wäre ich ja nie auf den Gedanken gekommen, dass ein Auslandsaufenthalt einen SELBSTSTÄNDIG macht! Nein, nahezu unglaublich! Und dass Reisen einem viele neue Eindrücke bringt und die Sprachkenntnisse fördert, ja, wie gut, dass mir das mal jemand sagt! Und gut, dass mir diese Person (ähm, wie hieß sie nochmal?) mir sagt, dass ich auf JEDEN FALL mein gesamtes Erspartes spontan komplett dafür verwenden soll nach für ein Jahr nach Australien zu gehen, klar, wie gut, dass sie mich daran erinnert hat, dass ich zusätzlich ja auch noch Geld scheiße, so dass das alles finanziell ja ÜBERHAUPT KEIN PROBLEM darstellt! Und wie wunderbar, dass es solch großherzige und selbstlose Menschen gibt, die ihre geballte Masse an Lebenserfahrung hergeben, damit ich sie auf mein Leben beziehen kann! Wie unglücklich wäre ich, wenn ich nie die Möglichkeit gehabt hätte, meine Perspektiven in Vergleich zu stellen mit einer in der Nachkriegszeit aufgewachsenen dreifachen Mutter die wasweißichwelche Ausbildungen gemacht hat!
Nichts - wirklich nichts! - gegen nette Leute, die sich für meine Zukunft interessieren und mir Tipps geben wollen oder ihre Meinung zu Plänen abgeben möchten. Aber Leute, die mich nicht kennen - nicht wissen, WER ich bin, WIE ich bin und WAS ich gerne tue und WO meine Probleme, Ängste und Sorgen liegen - sollen sich aus meiner Zukunft einfach raushalten, wenn sie keine Ahnung haben und sich beim Arzt ein Mittel gegen das Postabitursyndrom ausstellen lassen.
Danke sehr. Wer Ironie findet, darf sie behalten.