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Fiktive und reale Welt...

Manchmal wünschte ich, alles wäre so wie in meinem Lieblingsfilm. Oder so wie in meinem Lieblingsbuch. Oder so wie in meiner Lieblingsserie.

Aber das ist - wie man sich höchstwahrscheinlich denken kann - ein relativ utopischer Wunsch. Denn selbstverständlich ist die Fiktion an sich genau deswegen eine Fiktion, weil sie nicht real ist. Und realistisch meist auch nicht. Das steckt ja auch schon in der Wortbedeutung: Fiktion heißt auf lateinisch "fictio", was so viel wie "Gestaltung" oder "Erdichtung" bedeutet und was von dem Wort "fingere" (sich etwas ausdenken, gestalten) abgeleitet wird. Auch wenn es bis heute unter Theoretikern strittig ist, wie man Fiktion genau definieren soll, wird sie in der Kunst- und Literaturtheorie zumeist als eine geschaffene Gedankenwelt mit fehlendem Wahrheitsanspruch und mangelnder Übereinstimmung mit der Realität bezeichnet.

Fiktionale Geschichten wurden unter anderem gemacht, um den unstillbar sprudelnden Wünschen und Fantasien der Menschen ein Ziel zu geben. Es ist ja auch gut, dass es das gibt, denn oft ist die Fiktion in gewisser Weise Vorbild für die Realität, sodass man nach Verbesserung der Realität strebt. Oder schlichtes Vergnügen, weil das Eintauchen in eine fiktive Welt spannend, anregend und lustig sein kann und man dabei ein wenig Abstand zu der realen Welt einnehmen kann, wenn man sich von ihr belastet fühlt. Kritisch wird es jedoch, wenn eine Fiktion einem Wunsch oder einer Fantasie so sehr entspricht, dass man von der realen Welt abkommt und sich verliert in dem fiktiven, weil die Gedanken zu sehr festheften an dem Wundervollen, dem Schönen, dem Guten, dem Reinen, das man durch Bild oder Wort aufgenommen hat.

Ich kenne einen guten Beweis dafür, nämlich mich selbst (ich weiß es somit aus einer recht verlässlichen Quelle). Ich habe manchmal so Phasen. Ich nenne sie "Flashs". Dann "flashe" ich mich auf Serien, Filme, Bücher oder selbstausgedachte Episoden (die immerhin einen gewissen Bezug zu meiner Realität haben) und hänge fast den ganzen Tag in meiner Traumwelt fest. Als Beispiel sei hier ein Verlauf eines Flashs mit einer Serie genannt. Nehmen wir mal "The Mentalist": Es beginnt mit "Ich hab grade irgendwie Lust mal wieder TM zu gucken." Gesagt getan. Erste DVD in den Player. Erste Episode geguckt. "Uh, hab ganz vergessen wie spannend das ist! Gleich mal die zweite Folge angucken!" Irgendwann sehr sehr sehr spät nachts (oder sehr führ morgens): "Uh, hab ganz vergessen wie toll der Schauspieler aussieht! Gleich mal die dreizehnte Folge angucken!" Am nächsten Tag gehe ich dies und das erledigen. Aber nur weil ich es muss. Dabei denke ich: "Wenn ich das einfach morgen erledige und das direkt hinter dem und das da nur so halb, dann kann ich schon um halb sechs wieder daheim TM glotzen!" Und dann hocke ich auf meinem Bett, lasse die Füße rausbaumeln (weil ich keine Zeit hatte die Schuhe auszuziehen) und glotze die hunderteinundvierzigste Folge. Und denke mir "Uh, ich hab ganz vergessen wie romantisch die unerwiderte Liebe zwischen den beiden Hauptdarstellern ist! Direkt nochmal die Folge angucken!" Irgendwann liege ich dann in meinem Bett. Meine Augen kribbeln, aber nicht nur meine Augen. Mein Bauch kribbelt auch, weil obwohl der Fernseher aus ist, laufen in meinem Kopf die Szenen grade weiter, und zwar die besten der Besten, die schönsten, die romantischsten, die spannendsten, die verzweifelsten, die erleichtertsten. Und komisch, die Hauptdarstellerin sieht gar nicht mehr aus wie sie, irgendwie sieht sie inzwischen mir sehr ähnlich. Hm, auch der Hauptdarsteller, der sah doch eben noch ganz anders aus, eben hatte er noch blonde Haare, jetzt sind sie braun und komischerweise sieht er jetzt eher aus wie ein Bekannter von mir... Sowas... Hm... Egal. Ich stell mir einfach weiter vor, wie ich die Heldin bin und er der Held. Ist irgendwie gut zum Einschlafen.
... Und zum während der Arbeit träumen. Und zum während des Busfahrens träumen. Und zum während des Chorauftritts träumen. Und überhaupt. Eigentlich immer. Warum sollte ich also aufhören überhaupt zu träumen, wenns doch da viel schöner ist als hier in der Realität, wo es die beiden Hauptfiguren gar nicht gibt, und sie sich deswegen auch nicht nicht bekommen können, und wo überhaupt die Hintergrundmusik fehlt? 

Ganz einfach: Weil die Realität ausbaufähig ist. Deswegen sollte ich meine Realität ausbauen und nicht meine Traumwelt. Deswegen sollte ich mir meine Hintergundmusik selber spielen, deswegen sollte ich die Heldin in meiner eigenen Geschichte sein, die Hauptrolle in meinem eigenen Film, und meinen Held suchen und ihn mir nicht erträumen. Ich sollte mir die Roman-, Film- und Serienhelden nicht als Maßstab für die echten Helden nehmen, sondern als Inspiration. Ich muss die Realität leben, anstatt in der Fiktion nur so zu tun, als ob.

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