Es ist Dienstag Abend, 23:34 Uhr, ich bin müde, aber ich will nicht ins Bett gehen. Ich dachte, der Druck würde von mir abfallen wie die alte Haut von einer Schlange, sobald ich meine Prüfungen fertig habe. Jetzt habe ich von der einen Klausur sogar schon wieder ein Ergebnis zurück bekommen - es ist sogar 'ne 1,0 - und trotzdem bin ich nicht gelöst. Ich fühle mich nicht, als hätte ich Ferien, und das schlimme ist, dass ich die Ferien unbedingt genießen MUSS. Ich muss Kraft tanken, ich muss entspannen, ich brauche Ruhe. Im Kopf und körperlich. Aber mein Kopf ist angestrengt. Er arbeitet und ich weiß nicht, woran. Ich finde einfach nicht heraus, was es ist, das mich doch ständig unter Druck setzt, was mich nervös und unruhig macht und was meinen Geist trübe macht.
An der Uni kann es also nicht liegen, denn die ist vorbei. Mein Praktikum beginnt in vier Wochen, bis dahin möchte ich - muss ich - auch geistig Ferien gehabt haben, weil es danach vom Praktikum in eine Klausur und dann wieder in die Uni in ein kräftezehrendes Wintersemester geht. Ein Wintersemester ohne eine Mitstudentin, die mich in diesem Sommersemester wirklich mitgezogen hat in der Uni, ich weiß nicht, wie ich ohne sie ein Semester überstehen soll. Ich werde die Kraft brauchen. Bisher hatte ich aber keinen einzigen Tag das Gefühl, ich wäre angekommen in den Ferien. Mein Kopf arbeitet, er zermatert sich. Was tut er, warum tut er das? Bitte. Hör auf damit. Sei entspannt, erlaube meinem Geist, entspannt zu sein!
Liegt es vielleicht daran, dass ich bald wieder ein Jahr älter werde? 21 werde? Finde ich das nicht gut, macht es mir Angst? Und wenn nicht, was ist es dann, was mir den Weg zu schönen Ferien versperrt?
Ich gebe mir wirklich viel Mühe, befreit zu sein. Vor allem, weil ich anderen von meiner Befreitheit gerne etwas abgeben würde. Ich gehe raus und mache was mit Leuten und rede. Aber bisher gab es nur einen Tag - oder eher nur eine Nacht - in der ich in meinen Semesterferien, die nun genau eine Woche lang dauerten, auch wirklich gelöst war. An diese Nacht klammere ich mich wie an einen Strohhalm. Ich versuche, als Aufmunterung viel an diese Nacht zu denken, doch dann packt mich eine traurige Sehnsucht und ich lasse es doch lieber bleiben. Denn ich glaube nicht, dass ich es einfädeln kann, dass sich diese Nacht wiederholt. Den Kontakt zu dem Protagonisten dieser Nacht herzustellen ist kein so leichtes Unterfangen, die anderen Darsteller dieser Nacht wieder am Schauplatz dieser Nacht zu vereinen ist ebenso schwierig. Außerdem kann ich ja nicht jede Nacht zu dieser einen Nacht machen, bloß, damit ich zufrieden bin (zumal ich dann nie schlafen würde).
Bisher ist immer alles wieder gut geworden, ich bin mir sicher, dass es das auch dieses Mal wird. Aber wie es schon aus hundert vorigen Einträgen in diesen zunehmend depressiv anmutenden Antilebensfreudeblog zu entnehmen ist: Ich habe keine Lust zu warten. Ich habe schon so viel gewartet, ich kenne kaum keinen, der so oft so tapfer warten musste wie ich, auch wenn das jetzt brutal gejammert und egozentrisch klingt. Und jetzt warte ich schon wieder, ich warte auf Ferien, die nicht nur auf dem Kalender, sondern auch in meinem Kopf stattfinden, ich warte auf meinen Geburtstag, ich warte auf eine Antwort, die hoffentlich bald per Mail eintrudelt und ich warte auf die Wiederholung eines ganz besonderen Gesprächs in einer ganz besonderen Nacht.