Vorgestern war in meinem Taekwondo-Verein Gürtelprüfung. Wir haben einen bei uns, der sehr gut ist und großes Talent hat, dabei ist er gerade mal 17. Er hatte bis Sonntagabend den lila Gürtel getragen und wollte in der Prüfung den blauen Gürtel erreichen. Dafür muss man unter anderem mit dem gedrehten Fersenschlag ein Brett durchschlagen. Wir üben das meistens mit Plastikbrettern, aber hin und wieder haben wir auch richtige Bretter zur Vorbereitung im Training, so auch in einem ein paar Wochen vor der Prüfung. Allerdings hat bei dem besagten Training keiner das Brett durchbekommen.
Bei der Prüfung vorgestern war also der junge Mann mit Bruchtest an der Reihe. Der Trainer hat ihn gefragt: "Welches Brett willst du? Wir haben die hier und unten noch das, was du letztens nicht durchgekriegt hast." Und der Prüfling hat ohne zu Zögern gesagt: "Ich nehm das, was ich nicht durchgekriegt habe."
That's the spirit, oder? Er weiß gar nicht, was er mit diesem Satz bei mir bewirkt hat. "Ich nehm das, was ich nicht durchgekriegt habe". Wie aus der Pistole geschossen. Ich nehme das Brett, an dem ich letztens gescheitert bin. Aber diesmal kriege ich es durch. Jetzt erst recht.
Hinter der Aussage steht eine Willensstärke, Motivation und Entschlossenheit, die ihresgleichen sucht. Davon dann sich jeder eine Scheibe abschneiden, denn genau diese Entschlusskraft ist es, mit der man sein Leben leben sollte, mit der man seine Ziele verfolgen und umsetzen sollte. Irgendwas hat nicht geklappt? Dann eben jetzt erst recht. Ich will etwas unbedingt? Dann wird es gemacht, und wenns nicht funktioniert, dann so lange, bis es klappt. Aufgeben? Keine Option. Das Prinzip kann man auch ganz simpel erweitern: Aus seinen Fehlern lernen, damit man es nächstes Mal besser machen kann. Herausforderungen als Proben sehen, an denen man wächst, nicht eingeht. Seine Bestleistung immer wieder verbessern. Better your best. Es ist so einfach, ich wette, wenn man es sich einmal zu Herzen genommen hat und gelernt hat, nach solchen Prinzipien zu denken und zu entscheiden, dann hat man ungleich mehr Lebensqualität im Vergleich zu vorher, allein schon bei der Konfrontation und dem Umgang mit Konflikten.
Wer mit wachsamen Augen und gespitzen Ohren durchs Leben geht, findet sie überall solche kleinen Weisheiten, die so eindrucksvoll und doch einfach zeigen, wie man sein Leben leben kann, damit man zufrieden ist. Denn eigentlich ist es nicht schwer - man muss nur erst einmal dahinter kommen, wie das geht. Ich schaff das auch nicht immer, aber immer öfter. Ich arbeite daran und ich merke immer wieder: Die Arbeit lohnt sich! In dem Buch, was ich gerade lese - eine Wer-Wird-Millionär-Kandidatin nutzt das Geld von Günther Jauch, um ein Jahr um die Welt zu reisen - spricht die Autorin und Reisende ebenfalls von diesem ganz einfachen Prinzip, dass ihr die Welt gelehrt hat: Love it, change it or leave it. Entweder du liebst etwas, so wie es ist, wenn nicht veränderst du es - und wenn das nicht geht, weg damit. Für Mist ist kein Platz und wenn er sich doch mal in den Weg stellt, dann wird sich ihm gestellt und nicht davor weggerannt - wie es der Prüfling gemacht hat. Er hat eigentlich nur nach dem simplen Prinzip gehandelt. Er hat das Brett letztes Mal nicht durchbekommen, jetzt hat er die Möglichkeit, das zu tun. Change it.
Übrigens: Natürlich hat er das Brett mit einem unglaublichen Fersendrehschlag durchgehauen, beim ersten Versuch, genau mittig. Und wenn er es nicht geschafft hätte, weiß ich genau: Bei der nächsten Prüfung hätte er wieder dieses Brett genommen.