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11. Juni 2013 2 11 /06 /Juni /2013 22:52

Ganz oft ist es mir schon passiert und ich bin mir sicher, jeder Smartphonebesitzer in meinem Alter kann sich dem anschließen: Du sitzt in der Bahn. Wischst auf seinem Telefon herum. Neben dir sitzt ein älteres Ehepaar. Du merkst: Sie gucken verächtlich auf deine rasch übers Display huschenden Finger, sie mustern deinen auf den Schoß gehefteten Blick. Und du hörst sie sagen: "Immer diese Handys. Alle tatschen nur noch auf ihren Telefonen herum und gucken nicht mehr links und rechts. Kommunikation läuft ja nur noch so."

Eigentlich kann es mir ja egal sein, was irgendwelche Leuute darüber denken, dass ich in der Bahn auf meinem Handy herumtippe und Nachrichten an meine Freunde verschicke, Schiffeversenken gegen Android spiele oder auf der Suche nach meinem Lieblingslied bin. Aber diese verbohrte Antihaltung gegen jugendliche Smartphonebesitzer geht mir langsam extrem auf die Nerven.

Klar, im Großen und Ganzen stimmt es schon. Es ist inzwischen recht selten geworden, eine Bahnfahrt hinzukriegen, in der man in jede Richtung blickt und niemanden paralysiert auf sein Mobiltelefon blicken sieht. Mich nerven die vielen Androidfetischisten und Appleverehrer auch, für die ihr Telefon mehr Accessoire ist als Nutzgegenstand, keine Frage. Ich finde es genauso nervig wie wohl fast jeder andere Mensch auch, wenn man sich mit Leuten unterhält und die dann permanent auf ihr Handy gucken und meinen, keine zehn Minuten ohne SMS oder Whatsapp auskommen zu können. Und natürlich bin ich der Meinung, dass der virtuelle Kontakt über Handys und Facebook die heranwachsende Generation extrem prägt und das sicherlich nciht nur zum Positiven, vor allem nicht im Umgang mit Datenschutz und Datensicherheit und vielleicht wird auch das soziale Miteinander in einigen Jahren noch düsterer aussehen, als es das bereits jetzt durch die mobile Datenübertragungskommunikation tut, die einen davon ablenkt, auch mal so Dinge zu machen wie zu lesen oder - inzwischen ja richtig oldschool - einen Brief zu schreiben. Natürlich, ich sehe das ein. Smartphones, Internet und Medien verändern den Lauf der Welt.

Aber: Diese Generalisierung, sobald man jemanden mit Wischtelefon sieht, geht mir auf den Geist. Denn mal ehrlich: Was zum Teufel ist denn bitte so schlimm daran, wenn ich auf der mindestens eine halbe Stunde dauernden Heimreise von der Uni eine SMS an einen Freund verschicke oder meiner Schwester eine Whatsapp-Nachricht zukommen lasse? Eine kleine Botschaft oder eine - wenn auch nicht verbal - weitergeführte Unterhaltung kann doch keineswegs weniger kommunikativ sein als aus dem Fenster zu starren oder sich bei seiner Frau über die Jugend von heute mit ihren Smartphones zu beschweren. Es ist ja nicht so, dass ich ausschließlich übers Handy kommuniziere - ich sitze ja nicht meiner Schwester im echten Leben gegenüber und weiß nicht, was ich sagen soll, weil alles schon geschrieben, getippt und gewischt wurde. Ich habe eine gute Verbindung zu den Leuten, die mir etwas bedeuten - das ist doch profitabel, sowohl für mich, als auch für meine Kommunikationspartner und somit für unsere Beziehung und den Kontakt zueinander. Und ganz ehrlich: Wenn man den Kontakt zueinander verliert, wie es auch ganz normale Leute ohne Smartphones und Facebookaccount tun, dann hilft es auch nichts, die Handynummern ausgetauscht zu haben oder in sozialen Netzwerken befreundet zu sein - dann schreibt man sich trotzdem nicht. Genauso wenig, wie man dies machen würde, wenn man nur Pergament und Brieftaube zur Verfügung haben würde.

Ansonsten ist es doch nicht verwerflich, die multimedialen Angebote zu nutzen, die sich mir beim Kauf eines Smartphones bieten. Ich gucke mir zum Beispiel oft auf der Heimfahrt auf der ARD-App die Tagessschau an oder gucke, wann mein nächster Bus fährt - die Facebookapp habe ich beispielsweise nicht mal auf dem Handy installiert. Und ich habe morgens definitiv keine Lust zu lesen, unabhängig davon, ob ich mein Handy dabeihabe oder nicht - da höre ich lieber einfach nur Musik. Aber während dies bei Smartphonebesitzern ein untrügliches Zeichen von Suchtverhalten ist, wird es bei Menschen, die noch alte Nokiakästen verwenden, mit Displays, denen es egal ist, ob man drauffasst, mit den damals noch total innovativen polyphonen Klingeltönen und mit denen man dem Internet weiter entfernt ist als im U-Bahn-Tunnel zwischen Kleinastlingen und Bad Wimpfelhausen, toleriert und der Gebrauch der Handys nicht mit todessträflichen Blicken bedacht. Vielleicht, weil die Smartphones so eine gewaltige Masse an mulitmedialen Möglichkeiten bereithät - was einen ja durchaus verunsichern kann - sind sie und ihre Besitzer die roten Tücher in den Augen der Technikverweigerer und Vergangenheitfesthalter.

Ich mag mein Smartphone und freue mich, wenn ich darin eine gute Ablenkung zu trüben Gedanken beim Bahnfahren finde oder wenn ich eine nette Nachricht von Freunden oder meinem Opa (Ja, richtig gelesen - mein Opa schreibt SMS und benutzt Whatsapp. Er wird diesen Sommer 90.) bekomme. Und trotzdem kann ich, wie viele andere Altersgenossen auch, mein Handy genauso gerne getrost zur Seite legen und mit Freunden einen netten Abend haben, an dem keiner ständig auf sein Handy starrt.

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