Overblog Folge diesem Blog
Edit post Administration Create my blog
26. September 2012 3 26 /09 /September /2012 19:55

Hier waren sechs Wochen Funkstille. Der Bloganbieter hat sich schon beschwert, er habe Werbeanzeigen auf meiner Seite freigeschaltet, weil ich so lange inaktiv war. Meine Güte, scheinbar sind die nicht darauf eingestellt, dass man mal ein paar Wochen am Stück etwas zu tun hat!

Ich hatte die letzten fünf Wochen Praktikum (das erste Praktikum in einer Schule, das man als Lehramtsstudierender machen muss) und ich hatte vorher so extrem keine Lust darauf, dass ich mich schon gefragt habe, ob es eine gute Idee war, überhaupt auf Lehramt zu studieren. Aber es hat sich im Nachhinein als gar nicht so übertrieben nervig herausgestellt. Ich hab mal wieder gemerkt: Ich mag süße Kinder. Wenn Kinder nett, höflich, kreativ und reflektiert sind, dann habe ich wirklich Lust, mit ihnen kommunizieren. Es ist also schon mal gut, dass ich Kinder im Allgemeinen nicht scheiße finde. Das wäre eine eher ungünstige Voraussetzung für meinen zukünftigen Beruf. Klar, hier und da gibt es ätzende Bälger und Zappelphilipps der üblen Sorte - aber ein kleiner Störenfried aus meiner 5. Klasse ist beispielsweise trotzdem ein übertrieben süßes und cleveres Kind.
Dann hatte ich befürchtet, unterrichten könnte mir keinen Spaß machen. Auch diese Sorge war unbegründet. Wenn mal die erste Aufregung, das erste mal vor einer Klasse zu stehen, vorbei ist, macht es tatsächlich Spaß. Oder besser ausgedrückt: Es macht nicht nicht Spaß. Man muss gut aufpassen, kann kreativ sein. Es ist gut, wenn man sieht, dass die Kinder auf einen hören und leise sind, wenn man sie ermahnt. Und man merkt, dass Unterrichten vor allem eine Sache benötigt: viel Übung. Ein guter Lerher zu sein, der den Mittelweg findet aus Fürsorge für die Schüler und der nötigen Distanz, um sich nicht alles zu Herzen zu nehmen und mal sagen zu können: Okay, die Stunde war heute halt scheiße und morgen klappts besser - das kommt nicht von fünf oder sechs Probestunden in einer Lämmchenklasse. Interessanterweise hat mir Mathe zu unterrichten mehr Spaß gemacht als Deutsch. Aber vielleicht lag das am Thema oder daran, dass ich eine detailliertere Unterrichtsvorbereitung hatte oder zu dem begleitenden Mathelehrer ein größeres Vertrauen als zur Deutschlehrerin.
Und außerdem: Ich finde es cool, im Lehrerzimmer zu sein. Die Atmosphäre da ist wie auf einem großen Campingplatz. Überall stehen Naschsachen oder Kuchen herum, fast alle duzen sich. Es riecht nach Kopierpapier und Kaffee. Es wird viel gelacht, viel gelästert, viel kommentiert, viel Sarkasmus an die Köpfe geklatscht und viel über einzelne Schüler geredet. Manchmal, wenn ich da sitze und einfach nur zuhöre, dann frage ich mich, ob meine Lehrer früher im Lehrerzimmer auch über mich gesprochen haben und wenn ja - was sie wohl gesagt haben. Aber meine Kollegen sind größtenteils sehr nett. Manchmal glaube ich, nach der hundertsten Praktikantin, die in der Schule ein- und ausgeht, haben sie auch mal genug vom mitversorgen. Aber trotzdem geben sich die meisten Mühe und nehmen einen freundlich auf. In Deutsch liebe ich es, mit Herrn J. mitzugehen. Er ist immer gut gelaunt. Er ist sofort freundlich und offen zu mir gewesen und er ist auch Eintrachtfan. Ich wäre gerne Schülerin in seinem locken, aber zielorientierten Unterricht gewesen. In Mathe bin ich vom Kollegen W. begeistert. Einen so sympathischen Menschen habe ich selten zuvor getroffen. Er ist das mathematische Pendant zu Herrn J. Ich kenne ihn kaum, aber er hat mich vom ersten Tag an immer freundlich gegrüßt, hat mich sofort mitgenommen in seinen Unterricht, hat mich eingebunden und fragt mich immer wieder, wie es mir geht und wie es läuft. Da fühlt man sich aufgenommen. Bei den beiden frage ich mich manchmal, ob meine "forschende" Wahrnehmung von den beiden - also von ihrem Unterricht und ihrer Kompetenz - durch die Sympathie getrübt ist. Ich weiß nicht, ob ich den Unterricht von den beiden toll finde, weil ich die Persönlichkeiten schätze, oder weil er toll ist. Hm.
Die meiste Zeit verbringe ich mit dem anderen Herrn W. Ich bin ihm sehr dankbar, denn er war derjenige, der mich dazu gebracht hat, mutig im Unterricht zu sein. Er hat mir für jede der drei Stunden, die ich gehalten habe, eine präzise Rückmeldung gegeben, seine Meinungen nachvollziehbar begründet und mich auch mit der Unterrichtsvorbereitung nicht im Stich gelassen. Von ihm hab ich sicher am meisten gelernt und auch wenn ich wegen seines schwer durchschaubaren, relativ ironischen Charakters nicht wirklich weiß, was er menschlich von mir hält - ich mag ihn sehr. Und ihn werde ich sicher vermissen. Ihn, die Kinder - und Herrn B. Herr B. unterrichtet keines meiner Fächer, aber er unterrichtet ein Herzfach von mir, das ich, falls es mit Mathe doch nicht hinhaut, machen werde. Und obwohl er noch Referendar ist, macht er das ganz toll. Herr B. ist supernett, sieht supergut aus und macht supertolle Sachen mit seinen supertollen Kindern. Er lässt sie basteln, ausmalen, schreiben, kreativ sein und diskutieren - er ist großartig. Er hat mir eine wirkliche Begeisterung für sein Fach mit auf den Weg gegeben und bei ihm hatte ich die schönsten Unterrichtshospitationen meines Praktikums.
Und nicht, dass ihr jetzt denkt, ich hätte mir nur hübsche, männliche Prototyplehrer klargemacht - Frau B., Frau K. und Frau M. sind auch super und die andere Frau K. ist einfach ein übertrieben netter Mensch.

Alles in allem also eine positive Bilanz von fünf Wochen um sechs Uhr aufstehen und nachmittags am Ende sein. So viele Mittagsschläfchen hab ich seit ich zwei oder drei war sicher nicht mehr gehalten. Naja. Früh übt sich, was eine richtige, echte Lehrerin sein will.

Diesen Post teilen

Repost 0

Kommentare

Schatten 10/01/2012 17:58

Es freut mich sehr, dass du eine solch positive Bilanz aus dieser Zeit gezogen hast. Ich würde gerne auch einmal in deinem Unterricht hospitieren ;) Ich denke, ich würde noch was lernen :) Nun bin
ich darauf gespannt, wie dein weiterer Weg an der Uni aussehen wird. Ich wünsche dir erstmal hier ganz viel Erfolg und freu mich darauf dich bald wieder zu sehen.

Es umarmt dich, Dein Schatten, der es wunderbar findet, einen so gutgelaunten Eintrag von dir vorgefunden zu haben.

fluegelwesen 09/29/2012 10:03

Erstmal: ich finde es toll, dass dir dein Praktikum gut gefallen hat.

und dann:
Bevor ich mit meinem Studium anfing, war mir das Ziel klar: Ich will zurück in die Schule, schließlich war der Schulsozialarbeiter meiner Schule der jenige, der mich auf meinen geliebten
Studiengang gebracht hat.
Nun verlief mein Praktikum in der Schule alles andere als großartig. Ich war Teil eines Pilotprojektes, die Kinder und ich Versuchskaninchen, die Schulen zwar stolz darauf, dass sie bei dem Projekt
teilnehmen, aber ordentlich eingebettet und betreuut wurden wir dennnoch nicht.
Jetzt, wo ich deinen Text und deine Begeisterung für die Schule lese, muss ich noch mal über meine Entsceidung nachdenken, nie wieder zurück in die Schule zu wollen.

Tom 09/27/2012 22:14

Du scheinst angekommen zu sein. Schön!

John Doe 09/26/2012 22:27

Endlich... eine langweilige Zugfahrt weniger, danke :0)

Und einer deiner Kollegen hieß nicht zufällig Herr S..., oder? ;)

mazenoire 10/02/2012 03:39



Nein, kein Herr S.



Endlager