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13. Mai 2011 5 13 /05 /Mai /2011 13:46

Wann immer sich eine Ära dem Ende zuneigt, wird sie häufig rückblickend mehr oder weniger intensiv betrachtet und die positiven und negativen Elemente, die sie prägten, hervorgehoben. Zusammenfassend und differenziert auf eine bestimmte Zeitspanne zurückzuschauen hilft meistens, sich damit auseinanderzusetzen und sie in die Schublade mit der Aufschrift „Vergangenheit“ abzulegen, um die Schublade hin und wieder zu öffnen und – im besten Fall – lächelnd auf ihren Inhalt zu blicken.

So hoffe ich, wird es auch sein mit der Ära, die heute zu Ende ging und der ich diese Hommage widme: meine Schulzeit.

13 Jahre lang bin ich Schülerin gewesen, davon habe ich fast die Hälfte meines bisherigen Lebens auf dem Gymnasium verbracht, das ich nun als frischgebackene Ehemalige verlasse.

Angefangen hat alles mit dem ersten Schultag. „Wer kann sich noch an seinen ersten Schultag erinnern?“, fragte unser Mathelehrer unseren Kurs in der letzten Mathestunde der Ära. So viel weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr darüber. Wir bekamen zum Schulanfang gelbe Kappen von der Sparkasse oder so geschenkt, und auf den Plätzen in unserem Klassenzimmer lagen von den Zweitklässlern gebastelte Schmetterlinge. Mein Cousin wollte sich nicht neben mich setzen, weil ihm der Schmetterling auf dem Platz nicht gefallen hat. Ich war sehr traurig darüber. Aber wenigstens setzte sich ein anderer Kindergartenfreund neben mich.

So ging es weiter bis zum Wechsel nach der vierten Klasse ins Gymnasium, wo ich unbedingt mit meiner besten Freundin und meinem Cousin in eine Klasse wollte. In der Halle, wo feierlich die Umschulung stattfand und die neuen Klassenlisten vorgelesen wurden, hatte ich schrecklich Angst, dass sie meinen Namen vergessen hatten oder versehentlich auf eine falsche Liste gesetzt hatten. Aber alles wurde gut und mein Start in der neuen, großen Schule als ganz kleiner Fünftklässler verlief ohne schlimme Unfälle.

Und auch hier verging Jahr um Jahr bis zu dem Tag, an dem meine Tutorin sagte: „Sind wirklich einige sehr gute letzte Zeugnisse dabei. Leider habe ich jetzt euer Abschiedseis vergessen, das bringe ich euch dann zur Abientlassung mit, ja?“ Mit den letzten Zeugnissen in den Händen feierte ein Haufen junger Erwachsener auf dem ganzen Schulgelände, mit einem gegrölten Humba Täterä im Lehrerzimmer, Polonaisen durch die Klassenräume und Alkohol, sehr viel Alkohol, das Ende einer Ära.

"Es waren doch nicht nur schöne Jahre“, versuchte meine Schwester mich über meine Melancholie hinwegzutrösten, als ich nach der Feierei nach Hause kam, mit Tränen in den Augen und einem ziemlich und erstaunlich gutem letztem Zeugnis in den Händen.

Da hat sie Recht. Ich erinnere mich sehr gut an den Tag, als mich der unheimlichste Lehrer der Schule vor allen anderen aus meiner Klasse zur Sau machte, weil er dachte, ich hätte mit einem leeren Trinkpäckchen auf dem Korridor Fußball gespielt, obwohl es ein Junge mit längeren braunen Haaren gewesen war, den er mit mir verwechselt hatte. Ich weiß auch noch, wie ich in der fünften Klasse gleich als erste Arbeit eine Mathearbeit schrieb und die allererste Fünf meines Lebens kassierte. Ich kann mich auch zu gut an den Tag auf der Klassenfahrt in der achten Klasse erinnern, dem letzten Tag vor der Heimfahrt, an dem wir einen Ausflug in ein Bergwerk machten und Klassenkameraden mit Steinen nach mir warfen, weil sie mich doof fanden. Wie ich an dem Abschlussabend nicht in die Kinderdisco gehen wollte, weil ich keine Lust hatte, den Leuten aus meiner Klasse eine Zielscheibe für ihre Hänseleien zu bieten. Ich weiß auch noch, wie sehr ich die Schule in der Zeit zwischen der siebten und der zehnten Klasse gehasst habe. Ich habe meine damaligen Mathelehrer für ihre Unfähigkeit gehasst mir Mathe so zu erklären, dass ich es verstehe, ich habe meinen Englischlehrer in der siebten und achten Klasse gehasst für seine Notengebung und seinen beißenden Sarkasmus und seine offen zum Ausdruck gebrachte Abneigung gegen einzelne Schüler. Ich habe Mathe gehasst, Englisch gehasst, Religion gehasst, genauso wie Chemie und Bio und Musik und eigentlich alles außer Deutsch, IKG (sowas wie Mini-Informatik) und Geschichte.

Aber – und das hätte ich niemals gedacht, wenn man es mir vor drei Jahren erzählt hätte – die Gedanken an die glücklichen Momente, oder vielleicht eher die Gedanken an die angenehme Zeit, verdrängen die schlimmen Zeiten in der Mittelstufe. Das mag vielleicht daran liegen, dass die letzten drei Jahre für mich einfacher waren und ich dadurch vergessen habe, wie schlimm Schule sein kann – quasi die eine Erinnerung die andere überschreibt – aber das ist letztendlich egal. Es zählt nicht die Quantität der guten oder schlechten Tage, sondern der allgemeine Eindruck und ob man am Ende zufrieden über die Zeit ist oder nicht. Und hinsichtlich der letzten drei Jahre bin ich es.

Es war so schön, als nach der Zehnten die Klassen vermischt wurden und ich – nach einem kurzen Ausflug in eine wirklich schlimme Klasse – in eine supertolle Klasse wechseln durfte, wofür ich dem zuständigen Lehrer noch heute dankbar bin. Ich bin mir sicher, dass seine Erlaubnis, die Klasse noch zu wechseln, richtungsweisend für meine Oberstufenzeit war. Ich erinnere mich sehr gerne an den Abend zurück, den wir Mädels aus der neuen elften Klasse gegen Ende des Schuljahres zusammen im Garten einer Mitschülerin verbracht, gegrillt und Spaß gehabt haben. Und an den Tag der offenen Tür in der zwölften Klasse, an dem eine Freundin und ich so leckeren Waffelteig gemacht haben und wir so viel positive Rückmeldungen über die Waffeln bekamen, und ich am Ende des Tages als Dank schöne Blümchen geschenkt bekam. Und wie cool es einfach war, mit der sechsten Klasse den Zirkus zu veranstalten, durch den ich Einrad fahren gelernt habe. Und die Klassenfahrten in der Oberstufe waren einfach toll, wir hatten eine super spaßige Zeit in Berlin und London. Und das Referat für Geschichte, dass mich am Ende auch nach Leipzig und Berlin führte, die Arbeit, die ich da hineingesteckt habe und die sich so gelohnt hat. Der Tag, an dem mir mein Mathelehrer meine Note im schriftlichen Matheabitur mitgeteilt hat. Der Tag nach dem Sortieralgorithmusreferat für Informatik, das mich so viel Arbeit gekostet hatte. Der schöne Sommertag in der letzten Woche vor den Sommerferien 2010, an dem es so warm war und wir uns so gut unterhalten haben. Der Ausflug in den Frankfurter Zoo mit der elften Klasse. Die Fahrt nach Weimar mit dem Deutsch LK und der Abend bei dem Italiener, wo wir so leckeren Wein zusammen getrunken haben. Die gemeinsame Feierei, immer wenn eine Etappe des Abiturs geschafft war. Und einfach alle Unterrichtsstunden oder außerunterrichtliche Stunden, in denen ich mit meinen Sitznachbarn und Sitznachbarinnen herzlich gelacht habe, philosophische Gespräche mit den Kameraden geführt habe, wichtige und unwichtige Dinge von den Lehrern und Lehrerinnen erfahren haben, mit ihnen interessante Diskussionen geführt und mich nett unterhalten habe, haben mir mit auf den Weg gegeben, dass es die Mitmenschen sind, die eine Zeit entscheidend prägen können und dass, wenn es die richtigen Leute sind, die einen umgeben, man einiges fürs Leben mitnimmt.

Nicht alles, eigentlich sogar das wenigste, was ich in der Schule gelernt habe, war essentiell für mein weiteres Leben. Was nutzt mir das Wissen, wie ich das Alter eines Fossils berechne, wenn ich mir sicher bin, dass ich damit absolut nichts zu tun haben werde. Und ich denke auch nicht, dass ich später hobbymäßig hin und wieder Extremstellen von Funktionsgraphen berechnen will. Aber entscheidend ist, dass ich die Dinge, die ich in der Schule gelernt habe, meistens in dem Moment interessant fand und genau das ist es doch, was einen neugierigen Geist ausmacht, etwas darüber zu erfahren, was sich in dem Moment zu erfahren anbietet, auch wenn es nicht richtungsweisend für die Zukunft ist. Bloß weil ich es vielleicht später vergesse, hab ich es früher nicht umsonst gelernt. Hinsichtlich der Allgemeinbildung habe ich auf alle Fälle etwas dazugelernt und menschlich und weltlich, also durchs in die Schule gehen, nicht durchs im Unterricht aufpassen, sowieso. Zur Schule gehen und dort mit anderen Menschen zusammen sein und zusammen arbeiten lehrt einen eine Struktur in der Sozialkompetenz, die das Fundament für die Zukunft ist, dessen bin ich mir sicher.

Ich bin dankbar für diese Zeit und ich werde sie sehr vermissen, vor allem werden mir die vielen Menschen als Umfeld fehlen, mit denen man reden konnte und mit denen es lustig war, ein fester Bezugskreis an Personen eben, und die (im Vergleich zu dem, was als nächstes kommt, sicher relativ einfach zu erzielenden) Erfolge, die man sich erarbeiten konnte. Ich würde am liebsten jeder einzelnen Person, die dafür gesorgt haben, dass diese Ära gerade in den letzten drei Jahren so viel Bedeutung für mich hatte, für ihren speziellen Beitrag dafür danken. Vielleicht werde ich das bei einzelnen noch tun, die wichtigsten von ihnen lasse ich ohnehin nicht mehr aus meinem Leben ziehen.


Ich frage mich, wie ich in den nächsten Wochen und Monaten das Minimum an Worten, dass ich pro Tag brabbeln muss, erfüllen soll… So ganz ohne die großen Pausen oder Unterrichtsstunden.

Hiermit schließe ich den Rückblick auf die Schulzeit, mit einem gespannten Blick nach vorn und einem sehnsüchtigen Blick zurück. Und als nächstes suche ich meine Schulbücher zusammen. Nächste Woche muss ich nochmal in die Schule, sie abgeben.

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